Raus aus der „Umwelt“, rein in die „Mitwelt“

Du hörst täglich das Wort „Umwelt“. Umweltverschmutzung, Umweltschutz, Umweltschäden. Es ist ein Begriff, den wir fast schon im Schlaf aufsagen können. Aber hast du jemals wirklich darüber nachgedacht, was dieses Wort eigentlich bedeutet? Es bedeutet wörtlich „das, was um uns ist“ – etwas, das uns umgibt, etwas Äußeres, von uns Getrenntes.

Ich möchte heute mit dir über eine Idee sprechen, die vielleicht auf den ersten Blick klein und unbedeutend erscheint, aber in Wahrheit eine riesige, revolutionäre Kraft hat: Wir sollten das Wort „Umwelt“ unbedingt durch „Mitwelt“ ersetzen. Dieses eine Wort hat das Potenzial, unsere gesamte Beziehung zur Natur, zu Tieren und zu uns selbst fundamental zu verändern. Es ist nicht nur ein linguistischer Trick, sondern ein Aufruf zu einem radikalen Perspektivwechsel.

Das Problem mit dem Wort „Umwelt“:
Die Illusion der Trennung

Das Wort „Umwelt“ hat eine lange Geschichte und ist tief in unserem westlichen Denken verwurzelt. Es spiegelt eine Weltanschauung wider, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt – als getrennt von der Natur, als deren Herrscher oder zumindest als Beobachter von außen.

„Umwelt“ schafft Distanz. Es trennt uns vom Regenwald, von den Korallenriffen, von den Bienen in der Wiese. Wenn etwas nur „um uns“ ist, dann ist es nicht ein Teil von uns. Diese Trennung ist nicht nur ein harmloses Sprachspiel, sondern hat ernste Folgen:

  • Es rechtfertigt Ausbeutung: Wenn die Natur nur „Umwelt“ ist, ein Ressourcenlager, das uns umgibt, dann ist es einfacher, sie als etwas zu sehen, das wir nach Belieben nutzen und ausbeuten können, ohne uns um die Konsequenzen zu kümmern. Das Meer ist dann nur ein Fischlieferant und eine Müllkippe, aber nicht unser Lebenspartner.
  • Es schürt Gleichgültigkeit: Eine „Umwelt“ kann uns gleichgültig sein. Wir können sie ignorieren, solange sie uns nicht direkt stört. Die Probleme sind dann „Umweltprobleme“, die man delegieren kann an Politiker, NGOs oder irgendwelche Aktivisten. Es sind nicht „unsere“ Probleme.
  • Es fördert die Haltung des „Sich-Bedienens“: Der Begriff suggeriert, dass die Natur ein passiver Hintergrund ist, der da ist, um uns zu dienen. Wir nehmen uns, was wir brauchen, und entsorgen den Rest. Die Natur hat keine eigenen Rechte, weil sie nicht „mit uns“ ist, sondern eben nur „um uns“.

Kurz gesagt: Die Sprache prägt unser Denken. Und das Wort „Umwelt“ hat uns beigebracht, die Natur als ein Werkzeug oder eine Kulisse zu sehen, statt als einen lebendigen Organismus, dessen Teil wir sind.

Die Lösung: „Mitwelt“ als Brücke zur Verbundenheit

Jetzt kommt die gute Nachricht: Es gibt ein besseres Wort. Ein Wort, das uns sofort in eine andere Beziehung zur Welt stellt: „Mitwelt“. Dieses Wort ist keine Erfindung, sondern wird in einigen philosophischen und ökologischen Kreisen bereits verwendet, um genau diesen Perspektivwechsel zu beschreiben.

„Mitwelt“ schafft Verbundenheit. Es drückt aus, dass wir nicht außerhalb, sondern mittendrin sind. Dass der Regenwald in Brasilien, die Bienen in deinem Garten und die Luft, die du atmest, alle deine Mitbewohner auf diesem Planeten sind. Wir sind alle Teil einer einzigen, großen Familie.

Was passiert, wenn wir beginnen, in Begriffen der „Mitwelt“ zu denken und zu sprechen?

  • Es fördert Empathie: Wenn etwas deine „Mitwelt“ ist, kannst du ihm nicht einfach gleichgültig gegenüberstehen. Wenn die Bienen sterben, dann sterben deine Mitbewohner. Wenn ein Wald gerodet wird, dann wird ein Teil deiner Welt verletzt. Diese Perspektive macht es unmöglich, die Konsequenzen deines Handelns zu ignorieren.
  • Es schafft Verantwortung: Die „Mitwelt“ erinnert uns daran, dass wir nicht die Herren des Planeten sind, sondern ein Teil von ihm – mit der Verantwortung, ihn zu pflegen und zu beschützen. Wir sind Teil des Systems, und unser Handeln hat direkte Auswirkungen auf die anderen „Mitbewohner“.
  • Es heilt die Trennung: Die Idee der „Mitwelt“ kann einen tiefen Graben in unserer Psyche heilen – den Graben zwischen dem Menschen und der Natur. Es erinnert uns an eine intuitive Wahrheit, die wir oft vergessen haben: Wir sind nicht allein auf dieser Welt, wir sind tief und untrennbar mit allem Leben verbunden.
  • Es stärkt uns: Die Vorstellung, ein Teil eines riesigen, lebendigen Netzes zu sein, kann auch eine enorme Stärke geben. Du bist nicht ein einsames Individuum, das sich um eine entfernte „Umwelt“ kümmern muss, sondern ein integraler Teil einer „Mitwelt“, die dich trägt und nährt.

Von der Theorie zur Praxis:
Wie wir die Mitwelt leben können

Die Umstellung von „Umwelt“ auf „Mitwelt“ ist nicht nur eine Sache der Sprache. Sie ist ein innerer Wandel, der sich in unserem Alltag manifestieren sollte.

  • Sei achtsam in der Natur: Wenn du das nächste Mal in den Wald gehst oder im Garten arbeitest, denke nicht: „Ich bin in der Natur.“ Denke: „Ich bin Teil meiner Mitwelt.“ Spüre die Verbindung zu den Bäumen, dem Boden, den Tieren.
  • Sprich in „Mitwelt“-Begriffen: Versuch ganz bewusst, das Wort zu verwenden. Sage „Mitweltschutz“ statt „Umweltschutz“. Wenn du mit anderen sprichst, erkläre, warum du diese Unterscheidung machst. Jede kleine Veränderung in der Sprache kann eine große Veränderung im Denken bewirken.
  • Sei ein guter „Mitbewohner“: Frag dich in deinen täglichen Entscheidungen: „Was wäre ein guter Mitbewohner-Verhalten?“ Brauche ich wirklich dieses Produkt, das die Mitwelt an einem anderen Ende der Welt schädigt? Wie kann ich Ressourcen schonender nutzen?
  • Erkenne die Verbundenheit: Erinnere dich daran, dass die Luft, die du einatmest, von Bäumen produziert wurde und der Kaffee, den du trinkst, von Menschen angebaut wurde, die genauso ein Teil deiner Mitwelt sind wie du. Wir sind alle in diesem System miteinander verwoben.

Ein kleines Wort mit großer Kraft

Die kritische Auseinandersetzung mit unseren Worten ist der erste Schritt zur Veränderung. Das Wort „Umwelt“ hat uns in eine Sackgasse des Denkens geführt, die die Trennung vom Leben fördert. Das Wort „Mitwelt“ ist eine offene Tür, die uns einlädt, uns wieder als integralen und liebevollen Teil des Planeten zu sehen.

Es ist eine Einladung, unsere Verantwortung nicht als Bürde, sondern als Geschenk zu sehen – das Geschenk, ein guter Partner, ein guter Mitbewohner in diesem wunderschönen, fragilen System zu sein, das wir unser Zuhause nennen. Also, lass uns die „Umwelt“ in der Vergangenheit lassen und mit offenen Herzen und klarem Geist die „Mitwelt“ willkommen heißen. Denn diese Welt gehört nicht uns, sondern wir gehören ihr.

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