Skla­ve­rei und Gehorsam

gehorsam

Ist eine fried­li­che und wohl­ha­ben­de Gesell­schaft von der strik­ten Befol­gung der Geset­ze und Vor­schrif­ten des Staa­tes abhän­gig? Sind Wah­len das ein­zi­ge adäqua­te Mit­tel, um Unzu­frie­den­heit mit den Befeh­len von Poli­ti­kern und Büro­kra­ten zu zei­gen? Wäh­rend Schul­sys­te­me und die Main­stream-Medi­en ver­su­chen, uns mit einer gehor­sa­men Denk­wei­se zu indok­tri­nie­ren, und wäh­rend Poli­ti­ker fast blin­den Gehor­sam von der Bevöl­ke­rung wün­schen, erzählt die Geschich­te etwas Ande­res. Wir wer­den dis­ku­tie­ren, war­um Gehor­sam und nicht Unge­hor­sam die größ­te Bedro­hung für die Mensch­heit dar­stellt, wäh­rend wir unter­su­chen, wie zivi­ler Unge­hor­sam eine freie Gesell­schaft aufrechterhält.

  • Das Pro­blem ist nicht Unge­hor­sam, es ist Gehor­sam”, sag­te  Howard Zinn, “Zivi­ler Gehor­sam ist das Pro­blem.”
  • Die eigent­li­che Fra­ge ist nicht zu wis­sen, war­um Men­schen rebel­lie­ren, son­dern war­um sie nicht rebel­lie­ren.” (Wil­helm Reich)

Als Mil­lio­nen und Aber­mil­lio­nen von Lei­chen in sozia­lis­ti­schen und faschis­ti­schen Län­dern auf­ge­türmt wur­den, wur­de allen klar, dass Gehor­sam töten kann. In der Sowjet­uni­on, in Nazi-Deutsch­land, Kam­bo­dscha, Chi­na und Nord­ko­rea war es nicht Rebel­li­on oder Gesetz­lo­sig­keit, die Hun­der­te Mil­lio­nen in den frü­hen Tod trieb. Es war, weil die Men­schen in die­sen Län­dern zu sehr gehorch­ten. Sie befolg­ten Geset­ze, die unmo­ra­lisch waren, und akzep­tier­ten Befeh­le von Poli­ti­kern und Büro­kra­ten, die sozi­al destruk­tiv waren.

Die schreck­li­chen Erfah­run­gen in die­sen Län­dern haben uns eine sehr wich­ti­ge Lek­ti­on gelehrt, die jedoch schnell ver­ges­sen wur­de: Manch­mal ist Gehor­sam und nicht Unge­hor­sam das wah­re Ver­bre­chen, oder wie Peter Usti­nov 1967 schrieb: “Jahr­hun­der­te­lang wur­den Män­ner dafür bestraft, dass sie nicht gehorch­ten. Bei [den Nazi-Pro­zes­sen von] Nürn­berg wur­den zum ers­ten Mal Män­ner für ihren Gehor­sam bestraft. Die Aus­wir­kun­gen die­ses Prä­ze­denz­falls begin­nen sich erst jetzt bemerk­bar zu machen.”

Aber selbst wenn Geset­ze miss­ach­tet wer­den soll­ten, die zum Leid unschul­di­ger Men­schen und zur Zer­stö­rung einer Gesell­schaft füh­ren, erweist sich dies als sehr schwie­rig, nach­dem ein Land in einen aus­ge­wach­se­nen Tota­li­ta­ris­mus ver­fal­len ist. Denn mit Tota­li­ta­ris­mus geht eine Ver­skla­vung der Bevöl­ke­rung ein­her. Zuerst eine Ver­skla­vung des Geis­tes der Mas­sen durch unauf­hör­li­che Pro­pa­gan­da und dann eine kör­per­li­che Ver­skla­vung durch Mas­sen­über­wa­chung, Poli­zei­kräf­te und ein Jus­tiz­sys­tem, des­sen Haupt­auf­ga­be es ist, die Men­schen in einem Zustand der Unter­wer­fung zu halten.

Unter die­sen bedrü­cken­den Bedin­gun­gen des all­mäch­ti­gen Zen­tral­staats erfor­dert Unge­hor­sam einen heroi­schen Wil­lens­akt, da das Aus­wei­chen leicht mit dem Leben bezahlt wer­den kann. Was Unge­hor­sam im Tota­li­ta­ris­mus noch schwie­ri­ger macht, ist, dass die wirt­schaft­li­che Akti­vi­tät zum Erlie­gen kommt, wenn der Staat alles kon­trol­liert. Dies führt zu einer Ver­knap­pung des Lebensnotwendigen.

Theo­do­re Dal­rymp­le erklärt in “The Wil­der Shores of Marx: Rei­sen in eine ver­schwin­den­de Welt”: “Im [Tota­li­ta­ris­mus] war die Knapp­heit an mate­ri­el­len Gütern, sogar an Not­wen­dig­kei­ten, kein Nach­teil, son­dern ein gro­ßer Vor­teil für die Herr­scher. Die­se Knapp­heit war dem Ter­ror nicht zufäl­lig, son­dern eines sei­ner mäch­tigs­ten Instru­men­te. Die Knapp­heit führ­te nicht nur dazu, dass die Men­schen auf Brot und Wurst kon­zen­triert waren und ihre Ener­gie dar­auf gelenkt wur­den, sie zu beschaf­fen, damit kei­ne Zeit oder Nei­gung für Sub­ver­sio­nen blieb, son­dern die Knapp­heit bedeu­te­te auch, dass die Men­schen dazu gebracht wer­den konn­ten, sich gegen­sei­tig zu infor­mie­ren, aus­zu­spio­nie­ren und zu ver­ra­ten sehr güns­tig . . .”

Gegen den Gehorsam

Unge­hor­sam ist daher kein Gegen­mit­tel gegen aus­ge­wach­se­ne Tyran­nei. Unge­hor­sam ist viel­mehr eine vor­beu­gen­de Maß­nah­me gegen Tyran­nei. Aber um einer Gesell­schaft, die vom Ver­lust bedroht ist, die Frei­heit effek­tiv zurück­zu­ge­ben, muss der Unge­hor­sam brei­te Unter­stüt­zung erfah­ren, also die Form des zivi­len Unge­hor­sams annehmen.

Ist eine ein­zel­ne Per­son unge­hor­sam, wird es als Dis­si­denz oder Kriegs­dienst­ver­wei­ge­rung bezeich­net. Zivi­ler Unge­hor­sam hin­ge­gen tritt auf, wenn eine Grup­pe von Men­schen öffent­lich unge­hor­sam ist. Die­ser Akt der mas­sen­haf­ten Nicht­ein­hal­tung sen­det eine Bot­schaft, die kein Poli­ti­ker hören will: Das Volk fürch­tet sie nicht mehr, respek­tiert sie nicht mehr und wird ihnen nicht mehr gehorchen.

Die der­zei­ti­ge Regie­rungs­form gilt als nicht mehr akzep­ta­bel.  Mur­ray Roth­bard erklärt:. “… der gewalt­lo­se Mas­sen­wi­der­stand als Metho­de zum Sturz der Tyran­nei ergibt sich direkt aus der Tat­sa­che, dass alle Herr­schaft auf der Zustim­mung der unter­wor­fe­nen Mas­sen beruht. Denn wenn die Tyran­nei auf der Zustim­mung der Mas­sen beruht, dann erfolgt das offen­sicht­li­che Mit­tel zu ihrem Sturz ein­fach durch Mas­sen­ent­zug die­ser Zustim­mung. Das Gewicht der Tyran­nei wür­de unter einer sol­chen gewalt­lo­sen Revo­lu­ti­on schnell und plötz­lich zusam­men­bre­chen.

Aber wie kön­nen genü­gend Men­schen über­zeugt wer­den, Geset­ze zu miss­ach­ten, die sozi­al destruk­tiv sind? Was führt mit ande­ren Wor­ten zu einer Bewe­gung des zivi­len Unge­hor­sams, die die Tyran­nei besie­gen kann? Eine mög­li­che Tak­tik besteht dar­in, die Mas­sen mit Ver­nunft, Logik und Argu­men­ta­ti­on auf die Täu­schun­gen, Lügen und Mani­pu­la­tio­nen auf­merk­sam zu machen, die ver­wen­det wer­den, um sie in den Tota­li­ta­ris­mus zu treiben.

Die­ser Ansatz basiert auf der Vor­stel­lung, dass, wenn die Wahr­heit prä­sen­tiert und die Pro­pa­gan­da dekon­stru­iert wür­de, die meis­ten Men­schen trot­zig auf­ste­hen und ihre Ket­ten able­gen wür­den. Aber ein Appell an Ver­nunft und Bewei­se funk­tio­niert nur bei einem offe­nen und emp­fäng­li­chen Geist, und wenn die Tyran­nei auf­steigt, exis­tie­ren immer weni­ger Geis­ter in die­sem Zustand. Viel­mehr gras­sie­ren Angst, Ver­wir­rung, Wut und Unsicherheit.

Und die­se Emo­tio­nen kön­nen leicht die Macht der Ver­nunft über­trump­fen. Carl Jung schreibt in “Zivi­li­sa­ti­on im Wan­del”: “Die Mas­se ver­drängt die Ein­sicht und Refle­xi­on, die dem Indi­vi­du­um noch mög­lich ist. Ratio­na­le Argu­men­ta­ti­on kann nur mit eini­ger Aus­sicht auf Erfolg geführt wer­den, solan­ge die Emo­tio­na­li­tät einer gege­be­nen Situa­ti­on ein gewis­ses kri­ti­sches Maß nicht über­schrei­tet. Steigt die affek­ti­ve Tem­pe­ra­tur über die­ses Niveau, so ent­fällt die Mög­lich­keit der Wir­kung der Ver­nunft, und an ihre Stel­le tre­ten Schlag­wor­te und chi­mä­re Wunsch­phan­ta­sien. Das heißt, es ent­steht eine Art kol­lek­ti­ver Beses­sen­heit, die sich schnell zu einer psy­chi­schen Epi­de­mie ent­wi­ckelt.“

Die­se Beob­ach­tung, dass ein Volk gegen Logik und Ver­nunft immun wer­den kann, wur­de von dem Schrift­stel­ler Elie Wie­sel geteilt, der bei sei­nem Besuch in der Sowjet­uni­on schrieb: “Logik wird dir hier nicht hel­fen. Ihr habt eure Logik, sie haben ihre, und die Distanz zwi­schen euch bei­den kann nicht mit Wor­ten über­brückt wer­den.

Mehr als Wor­te und Argu­men­te braucht es ein­zel­ne Dis­si­den­ten, die als moti­vie­ren­de Bei­spie­le für die grö­ße­ren Bewe­gun­gen des zivi­len Unge­hor­sams fun­gie­ren. Denn die Macht des Bei­spiels herrscht immer über die Fähig­keit, ande­re zu beein­flus­sen. Wenn Men­schen sehen, dass jemand bereit ist, Risi­ken ein­zu­ge­hen, um ihre Über­zeu­gun­gen zu ver­tei­di­gen, und dass ihre Wor­te mit ihren Hand­lun­gen über­ein­stim­men, ver­leiht dies ihrer Posi­ti­on mehr Glaubwürdigkeit.

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