Lon­don: Der Gro­ße Gestank

london

Mit­te des 19. Jahr­hun­derts war Lon­don die größ­te Stadt der Welt. Es war das Herz eines Impe­ri­ums, das den Glo­bus umspann­te. Die Stadt war auch eine Stadt des gro­ßen Ler­nens und der Kul­tur, Hei­mat von Wis­sen­schaft­lern wie Micha­el Fara­day und Charles Dar­win sowie Schrift­stel­lern wie Charles Dickens. Es war eine Stadt mit enor­mem Reich­tum und Reich­tum, und jedes Jahr kamen Tau­sen­de neu­er Men­schen in der Hoff­nung, ihr Glück zu finden.

Aber durch die­se gro­ße Stadt floss der schmut­zigs­te aller Flüs­se. Zwi­schen 1800 und 1850 hat sich die Ein­woh­ner­zahl Lon­dons mehr als ver­dop­pelt. Und die Them­se wur­de zur Müll­kip­pe für fast alle Ein­woh­ner der Stadt. Wäh­rend Dich­ter und Schrift­stel­ler die Majes­tät der Them­se lob­ten, war sie in Wirk­lich­keit ein fau­li­ger Fluss aus Schmutz. 1858 ver­ur­sach­te ein „per­fek­ter Sturm“ von Fak­to­ren den „Gro­ßen Gestank“. Ein „böser Geruch“ stieg aus der Them­se auf und ver­brei­te­te sich in der Stadt. Das Leben wur­de unerträglich.

Für eini­ge His­to­ri­ker war der Gre­at Stink eines der wich­tigs­ten Ereig­nis­se in der Geschich­te Lon­dons. Auch wenn es durch­aus unan­ge­nehm gewe­sen sein mag, zwang es die Regie­rung zu han­deln, und zwar ent­schlos­sen. Die Lon­do­ner Kana­li­sa­ti­on war der Auf­ga­be nicht gewach­sen. Größ­ten­teils waren es klei­ne, schma­le Back­stein­tun­nel über den alten Flüs­sen Fleet und Wal­brook. Ursprüng­lich soll­ten sie über­schüs­si­ges Was­ser in die Them­se lei­ten. In den 1850er Jah­ren floss jedoch alles Mög­li­che in den Haupt­fluss, ein­schließ­lich Abfäl­le aus Schlacht­hö­fen und Fabri­ken. Dar­über hin­aus waren ver­se­hent­li­ches Ertrin­ken und Selbst­mor­de im vik­to­ria­ni­schen Lon­don an der Tages­ord­nung, und Lei­chen düm­pel­ten und ver­rot­te­ten manch­mal wochen‑, sogar mona­te­lang in der Themse.

Die Erfin­dung der Spül­toi­let­te soll­te es den Lon­do­nern bes­ser machen. Und das tat es – aber nur für eini­ge weni­ge Rei­che. Die Spül­toi­let­te, die 1851 auf der Gre­at Exhi­bi­ti­on in Lon­don den Mas­sen vor­ge­stellt wur­de, war ein gro­ßer Erfolg bei den Lon­do­nern, die reich genug waren, um sich eine zu leis­ten. Das Pro­blem war, dass die ursprüng­li­chen städ­ti­schen Abwas­ser­ka­nä­le immer nur für Was­ser aus­ge­legt waren. Mit der Toi­let­ten­spü­lung begann mensch­li­cher Abfall in die Kana­li­sa­ti­on und dann in die Them­se selbst zu flie­ßen. Vie­le Toi­let­ten flos­sen auch in alte Senk­gru­ben, die der schie­ren Men­ge nicht gewach­sen waren. Sie wur­den über­flu­tet, wobei das Abwas­ser in den Fluss gelangte.

Lon­don im 19. Jahrhundert

Wäh­rend die Rei­chen ihren Müll weg­s­pü­len konn­ten – aus den Augen und aus dem Sinn – wur­de das Leben der Armen noch schlim­mer. Noch in den 1850er Jah­ren hol­ten vie­le Lon­do­ner ihr täg­li­ches Was­ser aus der Them­se. Die Men­schen nah­men nicht nur schmut­zi­ges Was­ser, son­dern bade­ten dar­in, sie tran­ken es auch. Es ist daher kei­ne Über­ra­schung, dass die Krank­heit weit ver­brei­tet war und es regel­mä­ßig zu grö­ße­ren Aus­brü­chen des größ­ten Kil­lers von allen kam: der Cholera.

Dass die Lon­do­ner mor­gens ihren Dreck in die Them­se wer­fen und abends aus dem­sel­ben Fluss Bade- und Trink­was­ser schöp­fen, mag uns scho­ckie­rend erschei­nen. Es sei jedoch dar­an erin­nert, dass vie­len Ein­woh­nern der Stadt selbst im 19. Jahr­hun­dert das rich­ti­ge Ver­ständ­nis für ihren größ­ten Fluss fehl­te. Vie­le Men­schen und vor allem die unge­bil­de­ten Mas­sen glaub­ten, dass ihr Müll ein­fach mit dem Fluss weg­ge­spült wür­de. Da die Them­se in Lon­don jedoch ein Gezei­ten­fluss ist, sah die Rea­li­tät ganz anders aus.

Die Them­se ebb­te und floss. Bei Flut sorg­te das Hoch­was­ser dafür, dass das Abwas­ser die Abflüs­se und das Abwas­ser nach oben drück­te. Wenn die Men­schen also zum Fluss gin­gen, um den hohen Pegel zu nut­zen und Was­ser dar­aus zu schöp­fen, sehen sie mög­li­cher­wei­se kei­nen dar­in schwim­men­den Abfall. Bei Ebbe jedoch ström­te der Abfall aus den Kanä­len und Abflüs­sen. Zu die­ser Tages­zeit wäre es unmög­lich gewe­sen, den Dreck zu über­se­hen, mit Tier­ka­da­vern und mensch­li­chen Kör­pern, die manch­mal von Lon­dons berühm­ten Brü­cken aus sicht­bar sind.

Nicht nur Wis­sen­schaft­ler kom­men­tier­ten den Zustand der Them­se. Bekannt­lich bemerk­te Charles Dickens in sei­nem Best­sel­ler Litt­le Dor­rit (ver­öf­fent­licht zwi­schen 1855 und 1857, kurz vor dem Gre­at Stink), dass die Them­se „eine töd­li­che Kloa­ke … an der Stel­le eines fei­nen, fri­schen Flus­ses“ sei. Dar­über hin­aus schrieb Dickens an einen Freund, der außer­halb der Haupt­stadt leb­te: „Ich kann bestä­ti­gen, dass die unan­ge­neh­men Gerü­che, selbst in die­sem kur­zen Hauch, von äußerst kopf- und magen­trei­ben­der Natur waren.“ In ähn­li­cher Wei­se erschien der schmut­zi­ge, stin­ken­de Fluss fast als zen­tra­le Figur in vie­len der belieb­tes­ten Fik­tio­nen der Zeit, dar­un­ter Kri­mis und grau­sa­me Mordgeheimnisse.

Jah­re bevor der Gre­at Stink Lon­don traf, hat­ten die Bür­ger der Stadt die Regie­rung auf­ge­for­dert, den Fluss zu säu­bern. Die Din­ge spitz­ten sich zu, als das Par­la­ment 1846 den Nui­san­ces Remo­val and Dise­a­ses Pre­ven­ti­on Act ver­ab­schie­de­te. Im Gegen­satz zum Titel des Geset­zes ver­schlim­mer­te dies die Situa­ti­on für die Mehr­heit der Lon­do­ner erheb­lich und mach­te Krank­hei­ten weit ver­brei­te­ter. Das Gesetz for­der­te die Schlie­ßung alter Senk­gru­ben, von denen eini­ge seit der Zeit Hein­richs VIII. In Gebrauch waren, wäh­rend ande­re mit Stei­nen zuge­schüt­tet wur­den. Um die­se alte Metho­de der Abfall­ent­sor­gung zu erset­zen, ord­ne­te das Gesetz an, dass klei­ne Abflüs­se an die Haupt­ka­na­li­sa­ti­on ange­schlos­sen wer­den soll­ten, was das Sys­tem völ­lig überfordert.

1848 wur­de die Metro­po­li­tan Com­mis­si­on of Sewers (MCS) gegrün­det, um sich mit dem Pro­blem zu befas­sen. Es ernann­te bald Joseph Bazal­get­te zu sei­nem Lei­ter. Der ange­se­he­ne Inge­nieur ent­warf umge­hend Plä­ne für eine neue Kana­li­sa­ti­on der Stadt. Das Pro­blem war, dass er schätz­te, dass sein Plan 5,4 Mil­lio­nen Pfund kos­ten wür­de, wäh­rend die Stadt­be­hör­den nur über ein Bud­get von etwa 2,4 Mil­lio­nen Pfund ver­füg­ten. Sogar die Stand­or­te der von Bazal­get­te vor­ge­schla­ge­nen Ent­la­de­stel­len wur­den von den Ver­ant­wort­li­chen abge­lehnt. Die Plä­ne wur­den auf Eis gelegt, und Lon­don litt weiter.

In den Jah­ren vor dem Big Stink war Lon­don von drei gro­ßen Cho­le­ra-Aus­brü­chen heim­ge­sucht wor­den. Der ers­te töte­te 1831–32 über 6.000 Lon­do­ner. Ein zwei­ter Aus­bruch traf zwi­schen 1848 und 1849 ein und for­der­te dies­mal mehr als 14.000 Todes­op­fer. Und dann wie­der im Jahr 1853 führ­te ein drit­ter Cho­le­ra-Aus­bruch zu 10.000 Todes­op­fern in der gan­zen Stadt. Damals mach­ten vie­le Exper­ten schlech­te Luft für die Ver­brei­tung der töd­li­chen Krank­heit ver­ant­wort­lich. Selbst als Dr. John Snow argu­men­tier­te, dass schmut­zi­ges Was­ser und nicht schmut­zi­ge Luft Cho­le­ra ver­brei­te, war die „Mias­ma-Theo­rie“ der vor­herr­schen­de Glaube.

Vie­le füh­ren­de Wis­sen­schaft­ler und Poli­ti­ker glaub­ten so fest an die Mias­ma-Theo­rie, dass dies einer der Haupt­grün­de für die Schlie­ßung der vie­len Senk­gru­ben in Lon­don in den 1830er und 1840er Jah­ren war. Man hoff­te, durch das Aus­wa­schen des Geruchs aus Wohn­quar­tie­ren das Risi­ko wei­te­rer Cho­le­ra-Aus­brü­che ver­rin­gern zu kön­nen. Statt­des­sen mach­te es alles noch schlim­mer. Letzt­end­lich bewies der Big Stink jedoch, dass Dr. Snow mit sei­ner Über­zeu­gung recht hat­te, dass das Trin­ken von schmut­zi­gem Was­ser für die Aus­brei­tung der Cho­le­ra ver­ant­wort­lich war. Denn wenn schlech­te Luft Krank­hei­ten ver­ur­sa­chen wür­de, wären die Lon­do­ner in den 1850er Jah­ren mit einer bei­spiel­lo­sen Rate gestor­ben. Lei­der starb Dr. Snow 1858 auf dem Höhe­punkt des Gro­ßen Gestanks und erleb­te nicht mehr, wie sei­ne Ideen von sei­nen Kol­le­gen akzep­tiert wurden.

Lon­don war damals lan­ge vor dem Som­mer 1858 eine schmut­zi­ge, stin­ken­de Stadt mit schlech­ten sani­tä­ren Ein­rich­tun­gen und einem schmut­zi­gen Haupt­fluss, der durch sie floss. Das Letz­te, was die Lon­do­ner brauch­ten, war eine Hit­ze­wel­le. Aber genau das haben sie bekom­men. Im Juni die­ses Jah­res betru­gen die Tem­pe­ra­tu­ren in der Haupt­stadt durch­schnitt­lich 34–36 °C (93–97 °F) im Schat­ten und stie­gen auf 48 °C (118 °F) in der Son­ne. weit davon ent­fernt, ange­nehm zu sein, mach­te dies die Din­ge wirk­lich uner­träg­lich. Tat­säch­lich wur­de gesagt, dass man die Fäul­nis der Them­se mehr als 8 Mei­len ent­fernt rie­chen konnte!

Lon­don und die Hitze

Die Hit­ze­wel­le ließ auch die Was­ser­stän­de sin­ken. Bis Juli 1858 war die Höhe der Them­se deut­lich gesun­ken. Wäh­rend unter Lon­dons berühm­ten Brü­cken weni­ger schmut­zi­ges Was­ser floss, bedeu­te­te dies, dass sich an den Ufern des Flus­ses unge­klär­te Abwäs­ser aus den Abwas­ser­ka­nä­len zu häu­fen began­nen. An eini­gen Stel­len im Her­zen der Stadt waren die­se Müll­ber­ge 6 Fuß hoch. Die meis­ten Men­schen ver­mie­den es, zum Fluss hin­un­ter­zu­ge­hen, wenn sie konn­ten, aber selbst dann konn­ten sie dem über­wäl­ti­gen­den Gestank nicht entkommen.

Kurz nach Beginn der Hit­ze­wel­le begann die Lon­do­ner Pres­se von „The Gre­at Stink“ zu spre­chen. Die viel gele­se­ne Zei­tung City Press argu­men­tier­te, dass der schmut­zi­ge Zustand des Flus­ses der Haupt­stadt nicht län­ger hin­ge­nom­men wer­den kön­ne. Einer sei­ner Her­aus­ge­ber – ein­deu­tig ein Anhän­ger der Mias­ma-Theo­rie über die Ver­brei­tung von Krank­hei­ten – argu­men­tier­te: „Die höf­li­che Spra­che hat ein Ende – sie stinkt, und wer den Gestank ein­mal ein­ge­at­met hat, kann ihn nie ver­ges­sen und sich glück­lich schät­zen, wenn er lebt sich dar­an zu erinnern.“

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