Die Ent­ste­hung der Gnosis

gnosis

In die­sem Blog beschäf­tig­te ich mich schon ein­mal mit der Gno­sis. Heu­te wer­de ich an ihre Ursprün­ge gehen. Im zwei­ten Jahr­hun­dert brei­te­te sich das Chris­ten­tum wei­ter aus, hat­te sich aber noch nicht in der Form ent­wi­ckelt, die wir heu­te ken­nen. Tat­säch­lich gab es zu die­ser Zeit vie­le ver­schie­de­ne Sek­ten des Chris­ten­tums, jede mit ihrer eige­nen Theologie.

Das Römi­sche Reich war immer noch ein heid­ni­sches Reich, und tat­säch­lich wur­den Chris­ten von den Römern eben­so wie die Juden ver­ach­tet. In Fol­ge der Auf­stän­de war Jeru­sa­lem von den Römern fast zer­stört und die Juden aus dem gesam­ten Gebiet ver­trie­ben wor­den. Ein Ort, an dem sich vie­le Juden nie­der­lie­ßen und vie­le der frü­hen christ­li­chen Gemein­den ent­stan­den, war Alex­an­dria in Nordägypten.

Die grie­chi­sche Phi­lo­so­phie war in Alex­an­dria ver­brei­tet, ins­be­son­de­re die Ideen von Pla­ton, und vie­le frü­he Chris­ten wur­den ihr aus­ge­setzt. So wie Pau­lus das Chris­ten­tum als eine Kom­bi­na­ti­on aus mes­sia­ni­schem Juden­tum und grie­chi­scher Phi­lo­so­phie defi­nier­te, folg­ten vie­le der neue­ren Sek­ten des Chris­ten­tums wei­ter die­ser Denkweise.

Die­se Mischung aus neu­en reli­giö­sen und älte­ren phi­lo­so­phi­schen Ideen brach­te wich­ti­ges reli­giö­ses Den­ken her­vor, das einen Kon­trast zur neu ent­ste­hen­den Reli­gi­on des Chris­ten­tums bot. Die Gnosis.

Die­ser Glau­be wur­de von den ers­ten Sek­ten des Chris­ten­tums (auch von moder­nen Chris­ten) als Ket­ze­rei gese­hen. Tat­säch­lich neig­ten vie­le gnos­ti­sche Sek­ten dazu, sich dem Chris­ten­tum zu widersetzen.

Der Ursprung der Gno­sis ist geheimnisumwittert

Die Gno­sis gab es bereits lan­ge vor dem Chris­ten­tum. Nach der gän­gi­gen Geschichts­schrei­bung gab es gnos­ti­sche Sek­ten bereits im spä­ten 1. und 2. Jahr­hun­dert, vie­le von ihnen in Alex­an­dria mit die­ser Mischung aus Juden, Chris­ten und pla­to­ni­schen Heiden.

Die Grund­idee der Gno­sis war, dass JHWH, der Gott der Juden, ein Wesen war, das sie Demi­urg nann­ten. Die­ser Demi­urg war in der Tat der Schöp­fer des phy­si­schen Uni­ver­sums, in dem wir leben. Aber er war nicht der wah­re Gott, son­dern ein Betrü­ger, der sein “aus­er­wähl­tes Volk” davon über­zeug­te, dass er der wah­re Gott war.

Auf die­se Wei­se dien­ten die so genann­ten Aus­er­wähl­ten einem Gott des Schre­ckens. Nach Ansicht der Gnos­ti­ker wur­den wir alle in die­se fal­sche Welt des Demi­ur­gen hin­ein­ge­zo­gen und müs­sen ver­su­chen, ihr zu ent­kom­men, indem wir in das Reich des wah­ren Got­tes zurück­keh­ren, der damals Abra­xas genannt wurde.

Tat­säch­lich kann dies erreicht wer­den, ein­fach durch das Erken­nen des gött­li­chen Fun­kens in jedem von uns. Das ist durch das Stre­ben nach Wis­sen mög­lich. Schließ­lich kann jeder die Gno­sis errei­chen, den Punkt, an dem wir die Ver­bin­dung zwi­schen Mikro- und Makro­kos­mos ver­ste­hen, den Fän­gen des Demi­ur­gen ent­kom­men und so in das Ple­ro­ma, das Reich des wah­ren Got­tes, zurück kehren.

Ist Gno­sis die Rettung?

In der Tat, wenn wir Gno­sis erlan­gen, wer­den wir selbst effek­tiv “Gott” — eine Idee, die völ­lig im Gegen­satz zu allem steht, was im moder­nen Juden­tum, Chris­ten­tum und Islam (mit Aus­nah­me des mys­ti­schen Sufi-Teils) gelehrt wird.

Aus­ge­hend von die­ser Idee nutz­ten vie­le gnos­ti­sche Sek­ten jener Zeit das Kon­zept der grie­chi­schen Phi­lo­so­phie, um das jüdi­sche Alte Tes­ta­ment radi­kal neu zu inter­pre­tie­ren, wobei der dort beschrie­be­ne Gott der Demi­urg selbst war. Zum Bei­spiel wird in der Gno­sis  die Tat­sa­che, dass Eva von der “ver­bo­te­nen Frucht” isst, zu einem heroi­schen Akt der Rebel­li­on gegen den Demiurgen.

Es scheint daher klar zu sein, dass die Gno­sis in kras­sem Gegen­satz zum Juden­tum und dem kon­ven­tio­nel­len Chris­ten­tum stand. Unab­hän­gig davon, ob die Gno­sis älter als das Chris­ten­tum ist oder nicht, stellt sie an die­sem Punkt der Geschich­te ein­deu­tig eine Ant­wort gegen den Auf­stieg die­ser neu­en Reli­gi­on dar. Es war, als kämp­fe die Ver­nunft gegen den irra­tio­na­len Anteil, der allein auf der Glau­bens­re­li­gi­on beruh­te, auf der blin­den Annah­me der Unter­wer­fung, auf Gehor­sam oder Bestrafung.

Die Gestalt des Jesus Chris­tus wur­de von vie­len gnos­ti­schen Grup­pen nicht als gül­tig oder real akzep­tiert. Man­che Sek­ten erwähn­ten es kaum, als hät­te das Chris­ten­tum damit wenig zu tun. Ande­re Sek­ten hiel­ten ihn für einen erfun­de­nen fal­schen Pro­phe­ten, da er ein Kon­zept war, das geschaf­fen wur­de, um die wah­ren Leh­ren der Gno­sis zu verdrehen.

Gno­sis und Jesus

Eini­ge stan­den jedoch dem Chris­ten­tum viel näher, in dem Sinn, dass sie Jesus als die Per­so­ni­fi­ka­ti­on des wah­ren Got­tes betrach­te­ten, der die Gno­sis auf die Erde brach­te. Da der Gott der Stu­di­en von die­sen Sek­ten jedoch immer noch als Demi­urg des Bösen ange­se­hen wur­de, wur­den sie vom moder­nen Chris­ten­tum als Ket­zer behandelt.

Für die Gnos­ti­ker war Wis­sen sehr wich­tig (das Wort Gno­sis = Wis­sen im Grie­chi­schen). Im Gegen­satz dazu zähl­te bei den Chris­ten und Juden nur der Glau­be an die Bibel. Dar­über hin­aus wur­den die­je­ni­gen, die das Wis­sen tru­gen, gewalt­sam bestraft, eine Tat­sa­che, die die Mensch­heit in das schreck­li­che dunk­le Zeit­al­ter, das Mit­tel­al­ter, führte.

Es ist gut dar­auf hin­zu­wei­sen, dass wir uns in unse­rem gegen­wär­ti­gen Moment genau wie­der an die­sem Punkt  befin­den: Dem des tota­len Wis­sens­ver­lus­tes, einem Reset, der uns in die Ver­gan­gen­heit brin­gen soll. Wegen des schwa­chen Gedächt­nis­ses und der his­to­ri­schen Lügen lässt sich der Mensch leicht beherrschen.

Für Mono­the­is­ten ist die­se Welt und die Men­schen dar­in die Schöp­fung ihres Got­tes, dem gehorcht wer­den muss. Par­al­lel zu dem gegen­wär­ti­gen Moment, den die Mensch­heit durch­macht, müs­sen wir zum glei­chen Algo­rith­mus zurück­keh­ren. Es ist angeb­lich wis­sen­schaft­li­che poli­ti­sche Auto­ri­tät, die uns zwingt zu akzep­tie­ren, was uns auf­er­legt wird.

Gno­sis und Welt

Für die Gnos­ti­ker war die phy­si­sche Welt die Schöp­fung des Demi­ur­gen, des fal­schen Got­tes, dem man wider­ste­hen muss. Wir, die wir die­se fal­sche Welt bewoh­nen, sind Gefan­ge­ne der Mate­rie, der wir durch Wis­sen ent­kom­men kön­nen. Es ist kein Zufall, dass der Gnos­ti­zis­mus in Alex­an­dria auf­tauch­te, wo die grie­chi­sche Phi­lo­so­phie noch blüh­te, aber in der­sel­ben Form auch Juden und Chris­ten stark prä­sent waren.

Statt einer voll­stän­di­gen intel­lek­tu­el­len Phi­lo­so­phie prä­sen­tier­te die Gno­sis eine neue Ver­si­on ihrer frak­tio­nier­ten Ideen, auf mys­ti­sche und reli­giö­se Wei­se, aber in der Nähe der mono­the­is­ti­schen Sek­ten, um ihnen eine direk­te Her­aus­for­de­rung zu bie­ten. Sie ver­brei­te­te sich in den intel­lek­tu­el­len Zen­tren von Alex­an­dria und anders­wo. Auf die­se Wei­se hat sie immer eine Min­der­heit der Bevöl­ke­rung vertreten.

Reli­gi­on für Sklaven

Das kon­ven­tio­nel­le Chris­ten­tum hin­ge­gen fand es viel ein­fa­cher, sich unter der unge­bil­de­ten Bevöl­ke­rung und ins­be­son­de­re der Skla­ven­be­völ­ke­rung aus­zu­brei­ten. Die Skla­ven, die tat­säch­lich am meis­ten auf der Welt lit­ten, brauch­ten eine Ideo­lo­gie, die sie ver­ein­te, um sich zu ver­tei­di­gen und einen Weg zu fin­den, gegen die Art und Wei­se zu kämp­fen, wie die Welt sie behandelte.

Die Gno­sis hät­te dies tun kön­nen, ja, dies war ein­deu­tig beab­sich­tigt. Jedoch hat­ten die Skla­ven, da sie unwis­send waren, kei­nen gro­ßen Kon­takt oder kein Inter­es­se an einer kom­ple­xe­ren Leh­re. Das Chris­ten­tum dage­gen pre­dig­te ihnen leicht münd­li­che Erlö­sung, ver­zau­ber­te Heils­ver­spre­chen und war des­halb viel effek­ti­ver bei der Bekehrung.

Der Gedan­ke, dass wir vor Gott alle gleich sind, appel­lier­te an Skla­ven, die sich in der Gesell­schaft ent­schie­den ungleich fühl­ten. Das Chris­ten­tum führ­te unter den Skla­ven ein Iden­ti­täts­ge­fühl ein: Ein Gefühl dafür, dass ihr Leben wirk­lich einen Sinn hat­te. Den Skla­ven wur­de gesagt, dass sie im Him­mel belohnt wer­den wür­den. Für die, die in die­sem Leben kei­ne Hoff­nung hat­ten, war das eine gute Option.

Es war aber viel heim­tü­cki­scher als es schien, weil es die Skla­ven radi­ka­li­sier­te. Jetzt, da sie ein gemein­sa­mes Iden­ti­täts­ge­fühl hat­ten, das Gefühl, dass sie in Got­tes Augen genau­so wich­tig waren wie alle Ande­ren, hat­ten die Skla­ven das Gefühl, sie könn­ten sich ihren Her­ren wider­set­zen, ins­be­son­de­re denen, die das Chris­ten­tum nicht annah­men. Skla­ven began­nen, wenig Rück­sicht auf ihr irdi­sches Leben zu nehmen.

So wur­den sie zur revo­lu­tio­nä­ren Task For­ce, die die katho­li­sche Kir­che, die als das Römi­sche Reich ver­stan­den wer­den muss, wie­der zur Welt­herr­schaft brach­te, ohne eige­ne Anstren­gun­gen zu unter­neh­men. Christ­li­che Füh­rer konn­ten die­se kon­ver­tier­ten und radi­ka­li­sier­ten Skla­ven als mili­tä­ri­sche Kraft nutzen.

Statt die Skla­ven tat­säch­lich zu befrei­en, mani­pu­lier­te das Chris­ten­tum sie und benutz­te sie als Waf­fe gegen Ungläu­bi­ge. Wir müs­sen erken­nen, dass sich die Welt über­haupt nicht ver­än­dert hat, weil die Men­schen wei­ter­hin den­sel­ben men­ta­len Aus­lö­sern gehor­chen. Die Bekeh­rung der Skla­ven half dem Chris­ten­tum, sich viel schnel­ler zu ver­brei­ten als der Gnos­ti­zis­mus. Lei­der wur­de der Gnos­ti­zis­mus schließ­lich von den gewalt­tä­tigs­ten und radi­kals­ten Sek­ten des Chris­ten­tums in den Unter­grund getrieben.

Schließ­lich erober­te das Chris­ten­tum Rom. Es ver­brei­te­te sich auf der gan­zen Welt und unter­stütz­te zusam­men mit den Kryp­to-Abra­ha­mi­ten heim­lich den Islam. Der Gnos­ti­zis­mus hat kaum über­lebt. Aber da er die Wahr­heit, das Wesen und die Flam­me des Wis­sens die­ser Rea­li­tät in sich trägt, ist es die effek­tivs­te Phi­lo­so­phie, den Geist des Men­schen zu sei­ner per­sön­li­chen Macht zurück­zu­brin­gen und ihn so von die­ser stän­di­gen Skla­ve­rei zu befreien.

Gno­sis und Freiheit

Gno­sis wider­setzt sich allen her­kömm­li­chen Denk­wei­sen. Sie ist der ewi­ge Puls, der die Schlei­er der Unwis­sen­heit ent­hüllt und dazu führt, immer mehr inner­halb der­sel­ben Rea­li­tät zu sehen. Es ist das Auge des Horus, das inne­re Auge. Hier müs­sen wir die Feh­ler der Ver­gan­gen­heit kor­ri­gie­ren, ver­eint durch das Stre­ben nach Wis­sen und die Ableh­nung aller For­men irra­tio­na­len Glau­bens, die uns einsperren.

Glau­ben zu ver­ste­hen ist sehr emp­feh­lens­wert, nach­dem der Mensch durch das brei­tes­te und wahrs­te Wis­sen zur Ver­nunft gelan­gen konn­te. Ohne Grund wird er ein­ge­sperrt. Wir alle tra­gen den gött­li­chen Fun­ken in uns. Das Gegen­mit­tel der  Skla­ve­rei ist Wissen.

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